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„Ist Freimaurerei heute eigentlich noch zeitgemäß?“ - Vortrag zum Neujahrsempfang der Johannisloge Victoria zur Morgenröthe

am 17. Januar 2010

Verehrte Besucher, geliebte Brüder, liebe Schwestern,

als unser Logenmeister Peter Thadeusz mich bat, einen Vortrag zu einem Thema auszuarbeiten, das aktuell ist und Freimaurer ebenso wie nicht Freimaurer bewegt, bot sich mir sogleich ein weites Feld:

So zum Beispiel Das Streben der Freimaurer nach der Weltherrschaft

Alternativ ginge auch Der von den Freimaurern versteckte Schatz der Templer

Oder, immer wieder gern genommen: Freimaurer - Eine Geheimgesellschaft.


Als Peter dann jedoch ergänzte, dass dieses Thema nicht nur für Nicht Freimaurer bewegend sein sollte, sondern wir auch gleich welche einladen und das Ganze publik machen, ergab sich das Problem, das wir nur sehr ungern öffentlich über unsere Weltherrschaftspläne oder den Templerschatz sprechen, weil das zu unseren Geheimnissen gehört - und über die reden wir ja nicht.

Damit hatte er mit einem Satz gleich drei gute Themen weggewischt und ich stand wieder am Anfang.

So ist er, unser Peter - allerdings hatte er auch gleich eine rettende Alternative zur Hand:

Das Thema sollte lauten „Ist Freimaurerei heute eigentlich noch zeitgemäß?“

Nun, das war ja einfach, beinahe zu einfach, fast schon profan – so dachte ich zumindest.

Natürlich ist sie zeitgemäß, sonst wäre ich ja nicht hier und ich stehe doch mitten im Leben, zumindest weitestgehend auf der Höhe meiner Zeit.

Allerdings – war nicht gerade auch ich hierhergekommen, weil ich etwas suchte, was mir die Welt dort draußen nicht geben konnte, etwas, das mit alten Pflichten und Werten wie Aufrichtigkeit, Gradlinigkeit und Loyalität zu tun hatte?

Das sprach dann doch wieder dagegen.

Andererseits bekamen wir gerade ein stattliche Anzahl jüngerer Brüder hinzu, jünger noch als ich bei meiner Aufnahme, das war doch wieder ein Argument dafür.

Aber schrieb nicht Friedrich Schiller in seiner Ode an die Freude, die er für eine Freimaurertafel verfasste: Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt?

War das nicht ganz deutlich ein bewusstes Abheben der Freimaurerei von der Mode, also von dem, was gemeinhin als zeitgemäß gilt?

So kam ich nicht weiter.


Zumindest ist Freimaurerei gerade wieder einmal brandaktuell: Dan Brown schickt uns auf die Suche nach dem verlorenen Symbol, Johnny Depp als opiumsüchtiger Scotland-Yard-Inspektor jagt im viktorianischen London Jack the Ripper der - und das ist wirklich mal eine Besonderheit selbst unter Verschwörungstheoretikern - ein Freimaurer ist und wenn ich Ihnen schon nichts erzählen darf, so können sie doch zumindest mit Nicolas Cage und Diane Kruger den von Freimaurern versteckten Schatz der Templer finden.

Wenn wir diese gut verkäuflichen Phantasien nun beiseitelassen und das Ganze mit dem nötigen Ernst angehen, so kann dieser Frage am besten dadurch begegnet werden, dass zunächst die Bedeutung der beiden grundlegenden Begriffe geklärt wird:

1) Was bedeutet es, zeitgemäß zu sein?

Und

2) Was macht Freimaurerei eigentlich aus?


Zeitgemäß bedeutet nach Definition durch die gängigen Lexika

-       den Bedürfnissen oder Normen einer bestimmten Epoche entsprechend

-       aktuell, fortschrittlich, modern, progressiv, aufgeschlossen zu sein

-       aber auch führend, richtungsweisend, zukunftsweisend bis hin zu revolutionär.

Das ist ja schon einmal etwas.


Nun zur Freimaurerei – sie kann nach der alten englischen Definition wie folgt beschrieben werden:

Daheim ist sie Güte.

Im Geschäft ist sie Ehrenhaftigkeit.

In Gesellschaft ist sie Höflichkeit.

In der Arbeit ist sie Anständigkeit.

Für den Unglücklichen ist sie Mitleid.

Gegen das Unrecht ist sie Widerstand.

Für den Schwachen ist sie Hilfe.

Dem Gesetz gegenüber ist sie Treue.

Gegen den Unrechttuenden ist sie Vergessen.

Für den Glücklichen ist sie Mitfreude.

Vor Gott ist sie Ehrfurcht und Liebe.

Auch ruht die Freimaurerei auf fünf Prinzipien, durch die sie beschrieben werden kann: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. 

Nun gilt es nur noch zu prüfen, ob und inwieweit die Erklärungen zu den beiden Themenbereichen überein gebracht werden können.


Wenn wir die heutige Zeit vergleichen mit dem Zustand, der noch vor 35 Jahren herrschte, so gibt es heute folgende, die damalige politische und persönliche Realität prägende, Einrichtungen nicht mehr:

Die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken.

Die Apartheidt in Südafrika.

Jenseits einer als „antiimperialistischer Schutzwall“ bezeichneten Grenze gab es die Deutsche Demokratische Republik.

Diesseits dieser Grenze hatten wir eine Rote Armee Fraktion, die uns in die Freiheit bomben wollte.

… und in Vietnam ging gerade der Krieg zu Ende.

Durch die Abschaffung dieser Einrichtungen, Staaten und Staatsgebilde wurde eine Arbeit fortgeführt, die bereits geraume Zeit zuvor gerade auch von Freimaurern begründet und vorangetrieben wurde: Die Demokratisierung der Welt, um in einer durch Humanität geprägten Gesellschaft Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie Toleranz leben zu können.

So begann die Befreiungsbewegung der heutigen USA in der „Green Dragon“ Taverne in Boston, in der nicht nur die Boston Tea Party ihren Ausgang nahm, sondern die zugleich auch Sitz der freimaurerischen St. Andrews Lodge war.

Sie endete mit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika, an deren Erlangung Freimaurer-Brüder wie George Washington, Benjamin Franklin, Samuel Adams, Alexander Hamilton, James Monroe und viele weitere großen Anteil hatten.

Von den 56 Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung bekannten sich 15 offen dazu, Freimaurer zu sein.

Unabhängig davon, ob man nun ein Fürsprecher oder Gegner der heutigen USA ist, ist es eine historische Tatsache, dass mit der Proklamation der Unabhängigkeit am 4. Juli 1776 die erste moderne Demokratie entstand.

Dass an der Entstehung der zweiten modernen Verfassung überhaupt, der ersten in Europa - am 3. Mai 1791 verabschiedet für Polen-Litauen - maßgeblich auch Fürst Kasimir Nestor Sapieha beteiligt war, der zuvor schon Meister vom Stuhl der Warschauer Loge und stellvertretender Großmeister des Großorients von Polen war, überrascht dann eigentlich nicht.

In diese Verfassung wurde auch das heute noch gültige Prinzip der Gewaltenteilung in Judikative, Exekutive und Legislative übernommen, wie es zuvor unser Bruder Montesquieu entworfen hatte.

Da wir gerade bei wohlklingenden französischen Namen sind: Auch Diderot und d’Alembert, die mit ihrer Encyclopédie vorrevolutionär das aufklärerische Gedankengut verbreiteten, Voltaire, La Rochefoucauld und La Fayette waren Freimaurer und bereiteten den Boden für die Demokratisierung Europas, wie sie mit der französischen Revolution endgültig eingeleitet wurde.

Hier begegnen uns dann auch wieder die freimaurerischen Grundprinzipien Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Während die amerikanische Unabhängigkeit und die Französische Revolution schon oft auch vor großem Publikum mit der Freimaurerei in Verbindung gebracht wurden, mag es manch einen dann doch überraschen, dass auch die erste als demokratisch zu bezeichnende Verfassung eines islamischen Landes von einem Freimaurer-Bruder durchgesetzt wurde:

Mustafa Kemal, besser bekannt als Atatürk, Vater der Türken.

Nach dem ersten Weltkrieg waren es die Freimaurer Gustav Streseman und Aristide Briand, die mit dem Locarno-Abkommen die deutsch-französische Aussöhnung einleiteten.

Sie waren nicht die letzten freimaurerischen Friedensnobelpreisträger.

Was unsere Freimaurer-Brüder Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und kurz darauf George Catlet Marshall (das war der mit dem Marshall-Plan) einen großen Krieg später für die Re-Demokratisierung der Welt leisteten, sollte gerade bei uns weitgehend bekannt sein.

In Nazi-Deutschland war Freimaurerei übrigens ebenso verboten wie im faschistischen Italien und in Japan kam das Logenleben während des zweiten Weltkrieges komplett zum Erliegen. Soviel zur damaligen „Achse des Bösen“.


Doch das waren jetzt große Namen und Ereignisse der Vergangenheit - um diesen Teil unseres kurzen geschichtlichen Exkurses zu beenden und wieder zu unserer gegenwärtigen (oder zeitgemäßen?) Frage zurückzukehren:

Wir Freimaurer lieben die Demokratie und haben sie stets zu fördern versucht.

Wenn es also aufgrund der Entwicklung der letzten Jahrzehnte (UdSSR, DDR, RAF, Apartheid) angemessen erscheint, von einer zunehmenden Demokratisierung der Welt auszugehen, gibt es hier schon gute Übereinstimmungen zwischen dem, was die Freimaurerei anstrebt, und dem, was zeitgemäß ist.

Während also die Freiheit Einzug in die moderne Welt hielt, hatten Gleichheit und die daraus abgeleitete Forderung nach Toleranz noch aufzuholen: In den USA wurde die Sklaverei erst durch Abraham Lincoln abgeschafft – der zwar während seiner Amtszeit die Aufnahme beantragt hatte, aber aufgrund des Attentats nicht mehr in den Bund aufgenommen wurde.

Tatsächlich umgesetzt wurde dies jedoch wiederum erst Jahre später, wobei auch hier Brüder mit am Werk waren wie z.B. der bekannte Bürgerrechtler Jesse Jackson.

Heute gibt es in den USA einen farbigen Präsidenten und auch bei uns sind mit der ersten Bundeskanzlerin und einem homosexuellen Außenminister Realitäten geschaffen worden, die vor 35 Jahren noch undenkbar waren.

So hat auch die Toleranz weiter Einzug in die aufgeklärte Welt gehalten und das schätzen wir Freimaurer - gleichwohl es noch immer zu viel Intoleranz und Beschneidung persönlicher Freiheiten in der Welt gibt, wo immer Fundamentalisten sich ihren Weg bereiten.

Oft in Ländern, in denen die Freimaurerei staatlich verboten ist und verfolgt wird.

So scheint es denn, dass die genannten fünf Grundprinzipien Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität tatsächlich zeitgemäß im Sinne der obigen Definition sind: Sie entsprechen den Bedürfnissen und Normen unserer Epoche, bleiben aktuell, sind fortschrittlich, modern und progressiv.

Dort, wo heute noch Unterdrückung der Meinungsfreiheit herrscht, werden nahezu täglich Handy-Videos oder Tweets weltweit in Umlauf gebracht. Moderner und progressiver als in der gegenwärtigen Zeit hat sich aufklärerischer Freiheitsdrang noch nie einen Weg bahnen können.

Zur Sicherheit können wir ergänzend einige der Eigenschaften der Freimaurerei aus der alt-englischen Definition daraufhin hinterfragen, ob sie zeitgemäß sind:


Im Geschäft ist sie Ehrenhaftigkeit.

Die Jahrhunderte alte Praxis der Bestechung ist mittlerweile anrüchig.

„Corporate Compliance“ heißt die Medizin, die sich die Unternehmen selbst verabreichen, um nicht von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen zu werden oder Strafzahlungen zu riskieren, denn mittlerweile stellt allein schon die Existenz sogenannter schwarzer Kassen einen Gesetzesbruch dar.

Gerade nach und in der Krise wird der Ruf nach einer neuen Ethik in der Wirtschaft laut, wenn z.B. der Präsident einer deutschen Kaderschmiede die Rückkehr zu den Tugenden eines ehrbaren Kaufmannes proklamiert.

Ehre geht wieder.


In Gesellschaft ist sie Höflichkeit.

Inwieweit unser Freimaurer-Bruder Adolf Freiherr von Knigge mit unseren heutigen Umgangsformen zufrieden wäre, darf bezweifelt werden. Jedoch haben Höflichkeit oder gutes Benehmen aktuell als „soft skills“ wieder Konjunktur: Benimm-Seminare nebst Besteckkunde des Mehrgängemenüs für die Kinder gehen einher mit Personal Coachings für die Eltern - und Bücher über gutes Benehmen stehen regelmäßig in den Beststellerlisten.

Dieser Trend kann auch durch die Super-Nannys dieser Welt nicht mehr gestoppt werden.


In der Arbeit ist sie Anständigkeit.

Dass die sogenannten Bonus-Banker heute nicht mehr als gewiefte Absahner bewundert werden, wie es noch in der Yuppie-Kultur der 80er Jahre der Fall gewesen wäre, sondern wir ihr Verhalten als zutiefst unanständig und sie selbst als bar jeglicher Moral ansehen zeigt, dass wir als Gesellschaft einen neuen Wertekatalog finden.

Wir Freimaurer definieren dies auch durch die Meistertugend der Mäßigkeit, die hier eindeutig nicht mehr gegeben ist.

Dieser Wertekatalog befindet sich zwar noch in der Entstehung, verheißt aber Gutes: Die Ablehnung skrupellosen Verhaltens bei gleichzeitiger Hinwendung zu einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung z.B. in Form der Public Private Partnerships lässt hoffen.


Für den Unglücklichen ist sie Mitleid.   UND   Für den Schwachen ist sie Hilfe.

Ob ein Tsunami über Südostasien hinwegfegt, die Elbe Dresden und Meißen überflutet, die Lichtblicke jedes Jahr den Vorjahres-Spendenrekord übertreffen oder ein Geschäftsmann in der Münchner U-Bahn das eigene Leben lässt, um hilflose Kinder zu schützen, und damit ein leuchtendes, wenn auch trauriges Zeichen setzt:

- es wird nicht mehr nur weggeschaut.

Mit der Absahner-Mentalität hat sich auch die Ignoranz vor der Not anderer aus weiten Teilen unserer Gesellschaft verabschiedet.

Wir verstehen uns heute wieder als Teil einer Gemeinschaft.


Dem Gesetz gegenüber ist sie Treue.

Es war einmal ein Post-Vorstand, der wollte Steuern sparen …

Es war einmal ein Bahn-Vorstand, der wollte inniger am Leben seiner Mitarbeiter teilnehmen …

Auch hier herrscht Konsens darüber, dass Gesetzesbrüche nicht mehr legitim sind.

Weder ist der eine ein cleverer Netto-Einkommensmaximierer, noch ist der andere ein Informationsjunkie, sondern sie sind im Sinne des Gesetzes in einer eher schlichten Formulierung ganz einfach Verbrecher und werden auch zu Recht als solche von der Gesellschaft angesehen.


Damit haben wir einige der grundlegenden Eigenschaften, die die Freimaurerei von uns Brüdern fordert und in uns wie auch durch uns zu fördern sucht an der Gegenwart geprüft und doch so manche Übereinstimmung gefunden.

Freimaurerische Ideale werden in weiten Teilen des alltäglichen Lebens eher gelebt als dies noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war.


Heißt das denn nun, dass Freimaurerei heute noch zeitgemäß ist?

Die Antwort ist simpel: Sie will sich nicht anbiedern, sie will auch nicht als Massenbewegung konsumierbar sein, sondern proklamiert und verwirklicht seit Jahrhunderten kontinuierlich Ideale, die eben nicht dem Wandel der Zeiten unterworfen werden.

Sie bindet tatsächlich wieder, was die Mode streng geteilt.

Daher schließe ich meine Ausführungen, indem ich die eingangs gestellte Frage einfach in die richtige Reihenfolge bringe:


Ist die heutige Zeit eigentlich schon freimaurergemäß ?


Die Antwort darauf lautet noch nicht – aber sie ist auf einem guten Weg.


Es geschehe also.


Ich danke Ihnen.


Anstehende Termine

 
 
  • Denke nicht in Problemen, sondern in Lösungen!


    "Bruder I.K"